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Seine neueste Erzählung Deutschland macht
dicht pflanzte Dietmar Dath nach Frankfurt am Main, wo sich im Schatten der glitzernden
Bürotürme ein junger Abiturient in einer Anti-Coming-of-Age-Geschichte erst nicht so
Recht verlieben und dann mit Recht aus dieser überhaupt nicht jugendlichen Not heraus,
gemeinsam mit Rosalie Vollfenster, was für ein Name, nicht mehr und nicht weniger als das
gesamte Land retten will. Deutschland macht dicht ist geschrieben von Dath
und reichlich illustriert von Piwi. Ab Montag, den 22.
März, steht das Werk im Buchhandel. Das erste Kapitel schon heute vorab und exklusiv bei
uns.
1. Schöner Junge
In der hübschen, aber viel zu teuren deutschen Stadt Frankfurt am Main lebte ein junger
Mann. Wer ihn anschaute, fand ihn schön: schwarzhaarig, mit Augen voll Seele, nicht zu
scharfen, keineswegs aber weichen Gesichtszügen, ein bißchen muskulös, ein
bißchen traurig, ein bißchen schlampig. Er trug sich mit heftigen Absichten und war
auf genau die richtige Art und Weise frech. Viel redete er nicht. Aber was er sagte, das
saß.
Die aus eigener Schuld Dummen und Elenden hatten Angst vor ihm. Von denen gab es viele.
Manchmal stieß er in der U- oder S-Bahn gegen ferngesteuerte Bankidioten, die sich auf
albernen Metallrollern zwischen den Menschenströmen in langen Trippel- und kurzen
Gleitphasen fortbewegten. Dann maß er sie von oben bis unten und sagte, nicht laut, aber
deutlich, den Satz: „Du gehörst beseitigt.“
Im Rieseneinkaufszentrum „My Zeil“ wollte er einmal eine von
aufgetakelten Lebedamen blockierte Furt zwischen zwei Parfümtheken passieren. Sie gaben ihm
den Weg nicht frei. Da hob er beide Arme und sprach: „Laß mich durch, ich
muß Geschenke für tolle Frauen kaufen, ihr wißt ja, wie das ist, seid ja auch
tolle Frauen!“
Die Lebedamen lachten und verliebten sich. Er durfte durch.
Der schöne Junge besuchte das vernünftigste Gymnasium der Stadt. An Dienstagvormittagen
fragte ihn dort manchmal seine Mathematiklehrerin, warum er montags nicht zum Unterricht
erschienen war. Er guckte jedesmal traurig, wenn er ihr, mit leichten Variationen im Wortlaut,
dann erklärte: „Wissen Sie, das ist so: Leider war ich tot. Kommt vom
Feiern.“ Sie sah es ein; er galt stets als entschuldigt. Diese Art Überzeugungskraft
war es, die dem schönen Jungen bei allen, die ihn kannten, Respekt verschaffte.
Unter der Woche stand er abends mit seinen älteren Rocker-Brüdern und deren
türkischen HipHop-Kumpels gewöhnlich an der Galluswarte herum. Wenn er dort die
zermürbten Redakteure der Erhabenen Zeitung sah, die eben ihren Arbeitsplatz verlassen
hatten, um zu Frau und Kind zu fahren, rief er ihnen hinterher, während sie in die
Pendelzüge stiegen: „Hey Süßer! Den ganzen Tag mitschreiben
macht fett und verrückt!“
Oft sah ihm Jesus Christus aus der Deckung dabei zu.
Jesus Christus hatte ein Hobby: Er interessierte sich aus Liebe zum Nochniedagewesenen stets
für die bestmöglichen Menschen. So stand der Heiland mitunter am Wasserhäuschen
oder oben am Gleis, auch mal unauffällig neben der Litfaßsäule, und spähte
nach dem schönen Jungen.
Man erkannte den Erlöser selten; Jesus Christus trug zu dieser Zeit einen langen Mantel,
schwarze Jeans, mal ein T-Shirt, mal ein Hemd, immer feste Stiefel und einen schwarzen Cowboyhut.
Als er den schönen Jungen nach Wochen und Monaten der eingehenden Beobachtung
schließlich gut genug kannte, um sich über dessen Witze nicht mehr zu wundern,
beschloß er, für einige Zeit aus dieser Geschichte zu verschwinden, denn es gab vor
seiner Rückkehr einiges zu erledigen.
Der schöne Junge hieß Hendrik.
Seine Familie hatte nicht viel Geld, da sich sein Vater, ein bedeutender Professor, zu viele
Kinder gewünscht und Hendriks Mutter die ungeschickterweise sogar gekriegt hatte.
Weil aber Hendrik der klügste und jüngste von vier Brüdern war und sein Vater als
bedeutender Professor wenigstens einen Nachkommen haben wollte, der ihm keine Schande machte,
durfte Hendrik das vernünftigste Gymnasium der Stadt besuchen.
Dort war er mit zwei Mädchen gut bekannt. Sie hießen Rosalie und Clea.
Rosalie Vollfenster schaute zwischen langen glatten dunklen Haaren kritisch in die Welt und war
furchtbar gescheit. Ihr Vater litt an keiner Armut, sondern war einer der Herausgeber der
Erhabenen Zeitung. Clea Pinguin (den Nachnamen sprach man französisch aus:
„Pängwäh“) brachte bei Unruhe die blonden Strähnen zum
Wippen und war arg eingebildet. Ihre Mutter hatte sogar noch mehr Geld als Vater Vollfenster,
weil sie als junge Frau vor lauter Schönheit von einem Glück ins andere gestolpert
war.
Rosalie Vollfenster und Clea Pinguin hatten eines gemeinsam: Sie hätten beide gern was mit
Hendrik angefangen. Hendrik, der sonst alles wußte, was er wissen wollte, hatte aus gut
versteckter Tapsigkeit leider keine Ahnung, was er mit den beiden Mädchen anfangen sollte.
So kam es, daß er keine Entscheidung zwischen ihnen traf. Die wäre ihm, wenn er einen
guten Grund dafür gewußt hätte, eigentlich leichtgefallen: Clea fand er putzig,
aber fade; Rosalie hatte er heimlich sehr lieb.
Die Heimlichkeit dieses Liebhabens war allerdings derart heimlich, daß er selbst fast gar
nichts davon mitbekam. Der Groschen rollte und rollte, immer im Kreis herum, und wollte einfach
nicht fallen.
Schließlich brachte ihn Rosalie, eher nebenbei als gezielt, zumindest auf eine Idee, was
man mit Clea anfangen konnte. Aus dem, was dann geschah, ergab sich etwas, das er
schließlich nicht mit Clea, sondern doch noch mit Rosalie anfing: die mehr oder weniger
notwendige Rettung Deutschlands.
Davon soll hier erzählt werden.
Gero Langisch ist musikbesessen, war schon Chef eines Labels, hat während der letzten
re:publica moderiert, ist Mitarbeiter von MotorFM ... und was fast alle seiner Bekannten bereits wissen, wird nun
auch im Netz manifestiert: Gero pokert leidenschaftlich gerne.
Das Pokerspiel ist das vielleicht amerikanischste aller Spiele. Kein Westernsaloon ohne die
Gruppe abseits sitzender Männer, Ernest Hemingway soll angeblich einmal das Manuskript zu
The Killers am Tisch verspielt haben, John F. Kennedy musste sich bei seinem Bruder
Nachhilfe im Bluffen holen und die Neuerfindung James Bonds geschah nicht zuletzt am Pokertisch.
Durch die epidemische Verbreitung des Onlinepokers spielt man inzwischen überall auf der
Welt die fünf Karten, mit denen es, so die Verheißung, für jeden Außenseiter
etwas zu holen gibt. Dabei ist Poker, sagen seine aktiven Spieler, mehr als ein gut gegebenes
Blatt. Poker ist Statistik, ist Strategie, ist Psychologie und ein ganz klein wenig Glück.
Wie man den prozentualen Anteil des Zufalls am Spielausgang durch geschicktes Lesen und
Täuschen des Gegenübers senken kann, erzählt und zeigt Gero Langisch im neuen
Selbstauslöser.
Selbstauslöser
Junge, alte, mehr und weniger bekannte Menschen zeigen per Selbstauslöser, wofür ihr Herz
schlägt. Einen Interviewer gibt es nicht, die Kamera ist das einzige Gegenüber und was
wichtig oder nebensächlich ist, entscheidet allein die Person, die sie hält. In
Eigenregie entstehen so Selbstdarstellungen, die nur das preisgeben, was man zeigen oder
erzählen möchte. Welche Grenzen dem Zuschauer geöffnet oder zugewiesen werden,
liegt im Ermessen des Selbstauslösers, der jede Folge zu seiner eigenen macht. Wir
garantieren für nichts.
Selbstauslöser ist eine konstante
Variable aus dem Hause spreeblick.com und erscheint dort jeden Freitag neu.
Selbst mal Selbstauslöser sein! Du hast ein leidenschaftliches Hobby,
kennst dich extrem gut mit irgendetwas aus oder stehst zu deinem gern gepflegten Spleen?
Schick’ uns ein paar Sätze, ein Foto, am besten noch ein kurzes Beispiel-Video sowie
deine Adresse und Telefonnummer an selbstausloeser [at] spreeblick punkt com! Wir melden uns dann
bei dir.
Caribou und hat mit seinem Song ‘Odessa’, bereits für einigen Trubel
in der deutschsprachigen Blogosphäre gesorgt. Zurecht, denn das im April erscheinende Album
‘Swim’ ist ein kleines elektronisches Soundtüftel-Meisterwerk,
verortbar irgendwo zwischen Erlend Øye und Four Tet. Daniel Snaith ist Caribou und
erzählt im Interview was er mit ‘Swim’ alles erreichen wollte, von
seinem Verhältnis zur Mathematik, wie ihn Dance-Musik und HipHop beeinflussten und noch
einiges mehr.
Früher waren Kriege zwischenstaatliche Konflikte; inzwischen ist das die Ausnahme. Die
Mehrzahl der Kriege sind Bürgerkriege. Ein Bürgerkrieg dauert im allgemeinen länger
als ein zwischenstaatlicher Konflikt. Und die Mehrzahl seiner Opfer sind Zivilisten. Bis zu 90
Prozent, sagt die UNICEF, darunter 40 Prozent Minderjährige. Sie sterben durch
Antipersonenminen und Kleinwaffen, durch russische AK47, amerikanische M16 oder deutsche G3. Das
sind die Massenvernichtungswaffen von heute. Eine halbe Million Opfer jährlich kommen durch
Kleinwaffen um.
Insgesamt gibt es laut Unicef 600 Millionen
Kleinwaffen, ungefähr acht Millionen kommen Jahr für Jahr dazu. Einer der fünf
wichtigsten Produzenten weltweit ist die deutsche Firma Heckler&Koch, deren G3 laut Amnesty
in 64 verschiedenen Ländern Verbreitung gefunden hat – unter anderem auch in Darfur.
Der Einsatz von G3 in dem Konflikt (…) ist vielfach dokumentiert. Fast jedes Foto, das es
von beteiligten Kämpfern gibt, zeigt neben Kalaschnikows den Exportschlager von Heckler
& Koch. Selbst auf Zeichnungen von Flüchtlingskindern ist das G3 eindeutig zu
identifizieren.
Nun ist es nicht so, dass Heckler & Koch diese Waffen eigenhändig nach Darfur geschafft
hat: vielmehr werden Lizensen an diverse Länder vergeben, die dann die Waffen produzieren.
Dabei ist Heckler & Koch nicht wählerisch: zu den Geschäftsfreunden gehörten
unter anderem schon Myanmar, Sudan,
Pakistan, Iran und Saudiarabien. Es kommt darauf an, was gerade möglich ist. Politisch
möglich. Hat Heckler & Koch
genau so der Zeit gesagt:
Heckler und Koch verkauft dorthin, wo es die Politik zulässt: Mal schauen, was geht.
»ägypten und Saudi-Arabien sind im Moment schwer«, sagt Peter Beyerle, der
Pressesprecher. »Afrika ist unmöglich, und Thailand kann man seit den Unruhen auch
vergessen.« Südamerika und Teile der arabischen Welt »sind schwer, aber
gehen«.
Die momentane Koalition ist der Wirtschaft aufgeschlossen, und in besonderem Maße der
Wehrwirtschaft. Also Waffenproduzenten. Deswegen soll laut Koalitionsvertrag auch dafür
Sorge getragen werden, dass „bürokratische Hemmnisse abgebaut“ und die
„Verfahren beschleunigt werden. Ein seltsames Ansinnen angesichts der Tatsache, dass sich
die Bundesregierung weigert, sowohl ihren Rüstungsbericht zeitnah vorzulegen, als auch die
Exporte von allen Rüstungsgütern vollständig aufzuschlüsseln. Der
Rüstungsexportbericht wird auch nicht mehr im Bundestag debattiert, seit Jahren schon.
Ergebnis: eine Beschleunigung der Verfahren bei mangelnder Transparenz.
Seit 1961 hat Deutschland viele Lizenzen an befreundete Staaten vergeben, die dadurch in
Eigenregie beispielsweise das G3 produzieren: unter anderem Myanmar, die Türkei, Pakistan
und vor allem: Iran. Iran hat inzwischen das zehntgrößte Kleinwaffenarsenal der Welt,
G3s mit Beschriftungen auf Farsi fand man auf dem Balkan und im Sudan. Ergebnis der
Lizenzvergaben, sagt Jürgen
Grässlin:
Seither schießen Soldaten und Kindersoldaten, Polizeien, Terroristen und Guerillaeinheiten
in Staaten wie Somalia, dem Sudan, in Uganda, der Türkei, Mexiko, dem Iran, dem Irak und in
vielen weiteren Krisen- und Kriegsgebieten mit G3, MP5 und anderen H&K-Waffen, von denen mehr
als 11 Millionen weltweit im Einsatz sind. Durchschnittlich alle vierzehn Minuten stirbt ein
Mensch durch eine Kugel aus dem Lauf einer Heckler & Koch-Waffe. Mehr als 1,5 Millionen
Menschen sind bis zum heutigen Tag mit H&K-Waffen erschossen, weit mehr verwundet und
verstümmelt worden.
Um die Ausbreitung von Kleinwaffen zu unterbinden, müssten die Regelung zur Markierung von
Waffen und Munition verbindlich werden. Aussortierte Waffen dürften nicht mehr an andere
Staaten weiterverkauft, sondern müssten verschrottet werden. Und die Lizenzen für
Staaten, die deutsche Waffen in Kriegsgebiete verkaufen, müssten aufgehoben werden.
Sofern es überhaupt dem Wunsch der Bundesregierung entspricht, dass weniger Menschen in
Kriegsgebieten durch Kleinwaffen umkommen. Angesichts des Koalitionsvertrags aber wird man diesen
Wunsch zumindest bezweifeln können.
Children by the million sing for Alex Chilton when he comes ’round
They sing „I’m in love. What’s that song?
I’m in love with that song.“
The Replacements – Alex Chilton
Indie-Rock-Legende Alex Chilton, bekannt
durch seine Bands Box Tops und Big Star, ist gestern im Alter von 59 Jahren
gestorben. Als Todesursache wird bisher ein Herzinfarkt genannt.
Nach dem Klick eine „Thirteen“-Aufnahme von Big Star aus dem Jahr 2008 und die
eingangs zitierte Replacements-Hommage „Alex Chilton“ von Paul Westerberg.
Den Forderungen nach einer baldigen Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung hat
Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger
eine Absage erteilt. Vor der Sommerpause, wie das CDU-Innenminister de Maizière gern
hätte, soll es kein neues Gesetz geben. Aber wird die „Vorratsdatenspeicherung
2.0″ überhaupt noch kommen?
„Es ist vollkommen utopisch, bis zur Sommerpause eine Neuregelung zu erwarten. So
funktioniert seriöse Gesetzgebung nicht“, sagte die FDP-Ministerin im Interview.
Schließlich gehe es nicht nur darum, „hier und da einen Halbsatz zu
ändern“.
Interessant ist vor allem, dass Leutheusser-Schnarrenberger die Überprüfung der
Richtlinie durch die EU abwarten will: „Die Bestandsaufnahme auf EU-Ebene soll bis zum
Herbst vorliegen. Es bringt nichts, jetzt übereilt irgendetwas in ein Gesetz zu schreiben,
das später auch europarechtlich keinen Bestand hat.“
Kurz vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes hatte die neue EU-Justizkommissarin Viviane
Reding gemeinsam mit ihrer für Innenpolitik zuständigen Kollegin Cecilia Malmström
angekündigt, sie
werde die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung „noch in diesem Jahr auf den
Prüfstand stellen“. Die als streitbare Verbraucherschützerin bekanntgewordene
Luxemburgerin will „untersuchen, inwiefern die Speicherung verschiedenster Datensätze
notwendig ist, ob die Speicherzeit für Daten angemessen ist und ob nicht weniger
aufdringliche Maßnahmen dem gleichen Ziel dienen könnten“.
Bei der CDU scheint man dem zuvorkommen zu wollen. Innenexperte Wolfgang
Bosbach meint, „selbst wenn die EU ihre Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung im
Herbst verschärft, wird sie kaum strengere Vorgaben machen als das
Bundesverfassungsgericht.“
Damit könnte er sich allerdings täuschen. Denn in den Mitgliedsstaaten mehren sich in
der letzten Zeit die Anzeichen für eine Opposition gegen die Vorratsdatenspeicherung. Vor
allem die „trotzigen
Schweden“ haben mit ihrer Weigerung, die EU-Direktive umzusetzen, Aufsehen erregt. Aber
auch in Österreich tut sich etwas.
Zwar hat die dortige Große Koalition auf den letzten Drücker einen Entwurf für
die Umsetzung der Vorgaben aus Brüssel vorgelegt, um einer Strafe zu entgehen. Zugleich hat
aber die zuständige Infrastrukturministerin Doris Bures im Namen
Österreichs eine mündliche Verhandlung beim EuGH beantragt. Immerhin habe die EU mit
dem Vertrag von Lissabon auch eine Grundrechte-Charta erhalten. Ob die Vorratsdatenspeicherung
mit dieser vereinbar ist, soll der EuGH prüfen.
Der größte Schlag gegen die Vorratsdatenspeicherung kam aber wohl aus Rumänien.
Dort hat das Verfassungsgericht die nationale Umsetzung der EU-Richtlinie bereits
im Oktober 2009 gekippt, weil damit die vorgesehenen Ausnahmen vom Fernmeldegeheimnis
„zur Regel“ gemacht würden. Eine Datenspeicherung dürfe nur auf eine
richterliche Anordnung hin und unter staatsanwaltlicher Aufsicht erfolgen.
Angesichts des explizit geäußerten Evaluationswillens der EU-Kommissarinnen Reding und
Malmström, des Widerstandes aus Schweden und Österreich und der Urteile aus Deutschland
und Rumänien scheint die Vorratsdatenspeicherung als Ganze auf der Kippe zu stehen. Bei
einer Neufassung des Gesetzes hätte zudem infolge des Vertrages von Lissabon nun auch das
Europäische Parlament ein Mitspracherecht. Die dortigen Abgeordneten haben zuletzt bei der
Abstimmung über das SWIFT-Abkommen gezeigt, dass sie für Argumente von
Datenschützern durchaus empfänglich sind. Die Vorratsdatenspeicherung als
verdachtsunabhängige Telekommunikationsüberwachung könnte scheitern.
Darf man da nicht denken, dass es vor allem diese Angst ist, die den CDU-Politikern im Nacken
sitzt, wenn sie eine schnelle Einführung der „Vorratsdatenspeicherung 2.0″
fordern? Dass es allein die durch den Wegfall der Überwachung entstandene
Sicherheitslücke ist, die sie antreibt, mag man ihnen nicht recht abnehmen.
Während nicht wenige der britischen 77er-Punkbands von den Kunsthochschulen kamen, bezogen
sich Bands wie Sham 69 mit ihren
Fußballchor-Refrains auf ihre proletarischeren Wurzeln und landeten nicht zuletzt deshalb im
Skinhead-Umfeld. Sham 69 gelten als Mitbegründer der ursprünglichen Oi!-Szene, die im Verlauf ihrer Entwicklung politisch
immer rechtslastiger wurde und somit die Bands vor Probleme stellte: Sham 69 stellten ihre
Live-Aktivitäten 1978 sogar für eine Weile ein, nachdem Konzerte der Bands immer
häufiger von gewalttätigen National-Front-Anhängern besucht
und demoliert wurden.
Sham 69, allen voran ihr Sänger Jimmy
Pursey, waren echt, rau, naiv und laut. Und flirteten dennoch hier und da mit dem Mainstream,
wie das nachfolgende Video zeigt, das an Absurdität kaum zu übertreffen ist.
Werfen wir aber zunächst einen Blick auf den jungen Jimmy Pursey, der im folgenden Clip aus
dem Film Rude Boy vor lauter Aufregung
viel zu früh mit seinem Einsatz beginnt, als er 1978 mit seinen Helden The Clash die
„Rock Against Racism“-Bühne im
Londoner Victoria Park teilt. Wir sehen einen Jugendlichen, der sich, gekleidet wie ein Clown und
vermutlich high on speed, von der Energie des Moments ebenso tragen lässt wie Band und
Publikum.
Der Clip ist Dokument einer Zeit des Aufbruchs und zeigt eines der ersten großen Konzerte,
bei dem sich Reggae- und Punkbands die Bühne teilten, um gemeinsam mit 100.000 Menschen, die
gerade als „Carnival against Nazis“ vom Trafalgar Square durch das Londoner East End
(einer damals von der National Front geprägten Gegend) zum Victoria Park gezogen waren, um
den Rechten den Mittelfinger zu zeigen. Noch heute gilt der
Gig als Beginn einer neuen, politischen Jugendbewegung in Großbritannien und als einer
der Faktoren für ein Ende der
National Front.
Es kann nicht viel später gewesen sein, als Sham 69 ihren Hit „If The Kids Are
United“ in einer TV-Show präsentierten. Mitklatschende Rentner und Kinder, die
– offensichtlich geplant – als Statisten zur
Unterstützung des nicht gerade komplizierten Textes herangezogen werden, eine ganz eindeutig
nicht auf Punkrockbands vorbereitete Dekoration und ein Jimmy Pursey, der sich redlich
bemüht, nach den Regeln des Big Show Business zu spielen ... und dabei kläglich
scheitert.
Es ist eine Mischung aus Fremdscham und Verständnis, die einen beim Ansehen des Clips
befällt, denn jeder, der selbst mal Musiker war oder ist und dabei in die Verlegenheit kam,
einen Fernsehauftritt (in einer Kindersendung?) zu absolvieren, kennt die befremdliche Situation,
in der sich die Band befunden haben muss. Kameras, Licht, Deko, ein Studio-Publikum, das der
Zielgruppe nicht ferner sein könnte; dazu wahrscheinlich eine Aufnahmeleitung, die den
Bandnamen nicht buchstabieren kann und ein Team von Kameraleuten, das möglichst genaue
Ablaufpläne braucht ...
Als Resultat sehen wie einen versucht galant in die Szenerie schlendernden Pursey, der gute Miene
zum bösen Spiel machen will und immerhin live singt – im Duett mit
einigen Kids, die, wenn sie united wären, niemals divided werden könnten. Und wir
lernen: Jede Band hat Leichen im Keller. Und irgendwo da draußen hat sie jemand auf VHS.
Man beachte auch unbedingt und gleich zu Beginn: Die über den Boden gleitende
Gitarristenplattform!
Das mit den Virals läuft ja meistens so ab: bekannten Multiplikatoren werden irgendwelche
Dinge zugeschickt, bekannte Multiplikatoren schreiben darüber, andere schreiben
darüber, was bekannte Multiplikatoren schon geschrieben haben, für fünf
Internetsekunden wird darüber diskutiert, wer verantwortlich sein könnte, zwei Tage
später ist das Geheimnis gelöst und eine Firma die mass-customized Socken produziert
outet sich als cleveres Marketinggenie.
Meistens geht das an mir vorbei, die Faulheit, ihr wisst- ich warte einfach auf die
Auflösung- ein Echo bleibt eigentlich nie übrig. Digitales Aufmerksamkeitsdefizit
Syndrom. Trotzdem hat mich eine solche Aktion in den letzten Monaten (ja, wirklich, wir reden von
MONATEN) so sehr eingenommen, dass ich jetzt einfach nicht anders kann als gebrochen aufzugeben
und der verantwortlichen Marketingagentur mein Lob auszusprechen: ihr habt mich. Ich bin ganz
Ohr. Ich will es jetzt wissen. Wen muss ich für diese wahnsinnige Schnitzeljagd verklagen?
iamamiwhoami. Im Dezember 2009 wurde ein YouTube Clip veröffentlicht:
feuchte
Waldatmosphäre und Gruselstimmung. Anfang Januar ein weiteres Video von einer mit
Schlamm beschmutzten Frau und einiges an sexueller Konnotation und Eulen und tausend anderen
Dingen. Danach noch in regelmäßigen Abständen, viel Natur und immer wieder diese
blonde Frau, alle Videos mit seltsamen Nummernkombinationen betitelt die auf ihre Dechiffrierung
warteten. Die Videos wurden von User „iamamiwhoami“ auf YouTube hochgeladen, alle
hinterlegt mit elektronischer Musik die manchmal an The Knife oder Aphex Twins oder zig andere
mögliche Bands erinnert, nur nicht an Christina Aguilera – die wurde dann aber immerhin
irgendwann zur Hauptverdächtigen gekürt (und wieder verworfen).
Besonders MTV Staff Writer
James Montgomery hat es abbekommen- von iamamiwhoami wurde ihm sogar ein Paket zugestellt,
eines, dass das Rätsel Anfang März voran treiben sollte. Doch statt Klarheit gab es
wieder nur verwirrtes Kopfschütteln.
Because when I opened the envelope, out fell a knot of human hair, a few splinters of
what appeared to be balsa wood, and a single strip of paper, bearing the animals featured
in the ongoing „Iamamiwhoami“ viral campaign. I just sat there for a
second, holding the items in my hand, half wondering if I should get a pair of latex gloves and
send them down to CSI for analysis. It was a little terrifying, to be honest. – MTV.com
Klar ist eigentlich nur, dass es sich um einen Musik-Act handeln muss- die Blogosphäre
rastet komplett aus und spekuliert: Â ist es Trent Reznor, der so eine Aktion
nicht das erste Mal starten würde? Â Ist es vielleicht wirklich Christina, die
dieses Jahr ein neues Album veröffentlicht und wie die Frau im Video blond ist und gerne mit
Alter Egos spielt? Oder doch die durchgedrehte Lady Gaga oder das quasi-anonyme schwedische
Elektro-Duo The Knife (skandinavischer Wald, skandinavische Musik und dann auch noch diese
Darwin-Oper, wäre jedenfalls mein Tipp gewesen). Was ist mit der
 Symbolik und den heftig stilisierten Videos, was verraten sie uns?
Christinas Management behauptet jedenfalls dass sie es nicht sei. Macht aber nichts, denn
mittlerweile haben die fleißigen Hobby-Detektive aus der Livejournal-Gossip-Community
„Oh No They
Didn’t“ wohl des Rätsels Lösung gefunden: aufgrund der markantenähnlichkeiten zu der Frau (und anderen
Hinweisen)Â im zuletzt
erschienenem Video mit dem kryptischen Titel „b“, das sogar fünf Minuten
lang ist und wie das Intro zu einem Album klingt, Â soll es sich beim Viral-Phantom um
niemand geringeres als Jonna Lee handeln.
Moment, wer? Genau, Jonna Lee, eine unbekannte schwedische
Sängerin und Songwriterin (Frühlingsklaviermusik, relativ angenehm). Im ganzen Prozess
darum, die Teaser zu analysieren und interpretieren, fiel ihr Name nicht ein einziges Mal. Sie
scheint es zu sein- doch:Â ihr Management hat auch bestritten, etwas
über die Aktion zu wissen und ein frustrierter Haufen Bloggerkids reitet weiterhin auf etwas
herum, was eigentlich schon gelöst sein müsste. Oder?
„If Jonna is involved in this, we have no knowledge of such,“ Jamie Jaffe, who works
for Lee’s North American management team, Philadelphonic, told MTV News in an e-mail Monday
(March 15). „The only upcoming projects we are aware of are the development of her third
album and her upcoming SXSW performances.“ – MTV.com
Schaut man sich auch das aktuelle Jonna Lee Video  „Something So Quiet an, kommt man nicht
umher die ähnlichkeiten zu den iamamiwhoami-Videos zu erkennen. Weiterhin soll dieses
Meisterwerk der Recherche die Indizien zu Beweisen erklären:
Ist Jonna Lee also die Täterin, die die halbe Musikwelt um den Verstand brachte? Wenn ja,
bin ich enttäuscht: elektronische Musik! Einerseits brillant, weil irreführend.
Andererseits: wo bleibt der Spaß, wenn man nie eine Chance hatte?
Ich bin vorsichtig dabei, hier das Finale zu deklarieren, immerhin hat sich noch niemand zu
diesem Spannungs-Spektakel bekannt. Egal wer es ist: über fast vier Monate hinweg so viele
Menschen zu beschäftigen ist eine Glanzleistung, und ich bin begeistert (und frustriert).
Oder ist das doch eher Trolling auf ganz hohem Niveau? Mal sehen. Jonna Lee wird so schnell
jedenfalls niemand mehr vergessen.
Seit Anfang Januar werden jeden Monat persönliche Daten aller deutschen Arbeitnehmer an eine
zentrale Datenbank übermittelt. Mehr als 40 Seiten lang ist der Fragenkatalog zum
elektronischen Einkommensnachweis „ELENA“, den die Arbeitgeber ausfüllen
müssen. Zu den Angaben, die übertragen werden, gehören auch sensible Informationen
wie etwaiges „Fehlverhalten“.
Der FoeBuD
und der
Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung haben deswegen eine Verfassungsbeschwerde gegen Elena
ins Rollen gebracht, um die „Vorratsdatenspeicherung von Sozialdaten“ in Karlsruhe zu
stoppen.
„Bei ELENA wurden die vom Bundesverfassungsgericht aufgestellten Grundsätze für
die Speicherung sensibler Daten aller Bürger nicht eingehalten“, sagt der Rechtsanwalt
Meinhard Starostik, der schon die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten gegen die
Vorratsdatenspeicherung verfasst hat. Zu unsicher, zu intransparent, zu unkonkret und vor allem
zu lang sei die Speicherung.
Die in der monatlichen Meldung enthaltenen Angaben sind zum Teil hochsensibel. Ursprünglich
sollte sogar mitgeteilt werden, wenn sich Arbeitnehmer an einem Streik beteiligt haben. Erst nach
Protesten änderte das
Arbeitsministerium diesen Punkt. Die bis zu fünf Jahre dauernde Speicherung in einer
zentralen Datenbank bleibt dagegen Teil des Verfahrens.
Eingeführt wurde Elena unter dem Motto von Bürokratieabbau und Kostenreduktion. Die
treibenden Kräfte dahinter waren noch zu rot-grünen Zeiten die Hartz-Kommission und
Arbeitgeberverbände. Dementsprechend stehen deren Klientele als Profiteure da: Während
Unternehmen und Arbeitsagenturen jährlich beinahe 100
Millionen einsparen können, gibt es für Arbeitnehmer keinen derartigen Nutzen. Ab
2012 soll das Elena-Verfahren allerdings die Beantragung von Sozialleistungen erleichtern.
Den großen Sturm der Entrüstung hat Elena bisher nicht entfachen können. Zwei
ePetitionen kamen zusammen auf lediglich 33.000 Unterschriften. Auch die Verfassungsklage wird
erst im letzten Moment eingereicht. Das Gesetz zu Elena trat am 1. April 2009 in Kraft. Weil
für Verfassungsklagen eine Einjahresfrist gilt, muss die Beschwerde also bis zum 31.
März nach Karlsruhe gehen.
Deshalb ist nur noch bis zum 25. März Zeit, sich der Klage anzuschließen. Das ist
kostenlos, sieht man von der Briefmarke für das Einsenden des ausgefüllten Formulares
ab. Alle weiteren Informationen finden sich auf der Petitionsseite der FoeBuD.
Völlig unverständlich bleibt angesichts der Abwende von Hartz IV, warum immer wieder
vom Opportunismus der SPD die Rede ist, von ihrer Wendehalsigkeit, kurzum, von ihrer mangelnden
Charakterstärke. „Umfallen“ gilt im Politikbetrieb noch immer als ein Makel.
Dass eine Partei, sobald sie ihre Meinung ändert, ihre Glaubwürdigkeit verliert,
leuchtet mir nicht ein. Man muss kein Machiavellist sein, um Widersprüche zuzulassen. Dass
die SPD „keine Arbeiterpartei mehr“ sei, „sondern eine Partei ohne
Markenkern“, wie – vorhersehbarerweise – CSU-Generalsekretär Hermann
Gröhe tönt,
zeugt von einem erstaunlichen Parteienverständnis: die SPD als Marke, politische
Orientierung als Imagepflege.
(Mal ganz abgesehen von den Tönen, die die Union damals spuckte, als
Schröder die Hartz-Reformen auf den Weg brachte. Als hätten die Redenschreiber der SPD
bei den damaligen Redenschreibern der CDU abgeschrieben. Und die heutigen Redenschreiber der CDU
bei den damaligen Redenschreibern der SPD.)
Es fällt natürlich schwer, ausgerechnet Sigmar Gabriel Einsicht zu unterstellen (oder,
um im Gröhe-Sprech zu bleiben, „abzukaufen“). Ausgerechnet Gabriel, der vom ganz
linken Flügel einmal durch die SPD gewandert ist, um rechts wieder rauszukommen, und nun,
statt den Metzger zu machen, zurück nach links wandert. Gabriel, der unter Schröder als
eine Art Missfelder der SPD galt. Und der jetzt die Hartz-IV-Korrekturen zusammen mit Olaf Scholz
und Frank-Walter Steinmeier präsentiert, die beide maßgeblich an der Entwicklung des
Konzeptes beteiligt waren.
Klar, die SPD hat viele
oft enttäuscht. Auch klar, wer einmal enttäuscht wurde, nimmt sich in Acht.
Aber damals haben einige wenige die Gründung der Linkspartei begrüßt mit den
Worten, endlich gäbe es eine Alternative links von der SPD. Und jetzt darf man hoffen, dass
neben der Linkspartei eine neue Alternative links der Mitte entsteht. Und das ist – bei
aller Vorsicht – eine gute Nachricht.
Wir sind alle nur Figuren in einer kleinen Miniaturwelt. Wenigstens sieht es so aus, wenn man
sich das New-York-Video von Sam O’Hare ansieht. Was man für Perspektive und
Entspannung nach dem Klick tun kann:
Ich bekomme beim Chatroulette Depressionen, das liegt aber
nur daran, dass ich Merton, dem
Freestyle-Chatroulette-Pianisten, noch nicht begegnet bin. Was wiederum daran liegen könnte,
dass ich bisher nur 30 Sekunden im Chatroulette verbracht habe, weil ich davon Depressionen
bekomme.
Irgendwann habe ich auch mal viel zu viel Zeit. Und kann Klavier spielen.
Das Spin
Magazine bringt ein wenig Ordnung ins uferlose Line-up des SXSW, der Mutter aller Festivals, das diesen Mittwoch in Austin, Texas, zum 23. Mal
starten wird. Die Redaktion hat 29 ihrer liebsten Festivalbands auf einen Downloadsampler
gepackt, den man im Austausch für seine Email-Adresse zur Newsletteranmeldung bekommt. Mit
dabei u.a. Japandroids, Frightened Rabbit (Foto), Titus Andronicus, Miike Snow &
The XX und darüber hinaus noch sehr Viel zu entdecken. Da das Festival, anders als in den
Jahren zuvor, die Titel nicht als direkten Download zu Verfügung stellt, ein unverzichtbarer
Beitrag bei der Entdeckung neuer Musik.
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