Warum müssen Projekttitel wissenschaftlicher Forschungen immer so
fürchterlich verquast klingen? Wenn „Politische Potentiale des Internet. Die ‘virtuelle
Diaspora’ von Migranten aus Russland und der Türkei in Deutschland“ auf
einem Deckblatt steht, liest das doch kein Mensch mehr. Was ein Fehler ist. Die Ergebnisse sind
aufschlußreich.
Der Rahmen: Zwischen April 2007 und September 2008 haben Politikwissenschaftler der Uni
Münster das politische Online-Verhalten dreier Migrantengruppen untersucht: der
türkischstämmigen, der kurdischstämmigen und der sowjetrussischstämmigen
Einwanderer (Links zu den untersuchten Foren gibt es hier). Die Ergebnisse werden auch
als Buch erscheinen.
Das überraschende: Die häufig integrationsdesinteressiert gescholtenen und
parallelvergesellschafteten Deutschtürken, die einstmals den Untergang des Abendlandes
respektive jetzt einen türkischen Nationalstaat in Südmittelhessen (auch:
Frankfurt/Main) herbeizuführen wünschten, sind - zumindest was die
Internetaktivitäten anbelangt - die integrationswilligste Minderheit unter den untersuchten
Gruppen. Frei nach dem Motto „Ubi bene, ibi Patria“ (Wo Freibier ist, da trink ich
mit) verhandeln sie deutsche und deutsch-türkische Politik, während sie sich für
Erdogan ziemlich desinteressieren, solang er nicht vor Menschenmassen
in Köln spricht.
Kurdische und sowjetrussische Migranten nutzen das Netz in erster Linie, um persönlich mit
dem Ursprungsland in Verbindung zu bleiben und was Nachrichten von dorther anbelangt auf dem
laufenden zu bleiben. Was ihr gutes Recht ist übrigens, das soll hier gar nicht in Abrede
gestellt werden. Migranten haben auch im Gastland ein Recht darauf, ihre nationale Identität
auszuleben, und sei es nur im Internet. Das gilt für Bayern und Kölner in Berlin genauso wie für
Russlanddeutsche jenseits der Oder/Neiße-Linie.
Umso erstaunlicher, dass Deutsch-Türken im Netz mehrheitlich auf Deutsch kommunizieren und
sich wenig für politische Themen aus ihrem Ursprungsland erwärmen können. Dabei
grenzen sich Deutsch-Türken in beide Richtungen ab: von den Türken (böse Zungen
behaupten: von anatolischen Kleinbauern) wie von den Deutschen (böse Zungen behaupten: von
pfälzischen Spargelbauern).
Was ja immer verkannt wird, ob bei Moscheebauten oder bei der Einweihung örtlicher
Kulturvereine: Produktives und bereicherndes Mitglied einer Gesellschaft kann nur derjenige sein,
der sich seiner selbst sicher ist. Um diese Selbstgewissheit aufzubauen, braucht der Mensch (so
isser halt) geschützte Räume, wo er sich seiner Identität rückversichert.
Identitäten bauen sich (vor allem in über die Jahre konservativ mitregierten
Ländern) auch über die Herkunft auf. Und Integration funktioniert darüber, dass
sich zwei gleichberechtigte Partner mit verschiedenem Background auf Augenhöhe treffen und
gesellschaftliche Kompromisse aushandeln. Ansonsten hieße es ja nicht Integration, sondern
Unterwerfung, und das sympathischste an Deutschland ist, dass inzwischen von Unterwerfung der
Minderheiten abgesehen wird. Ibi bene.
Und weil es überhaupt keinen Spaß macht, einen Artikel zu schreiben, ohne nicht
mindestens ein kleines bisschen mit dem Zeigefinger zu wedeln: Problematisch ist, dass
religiös rigidere Gruppen sich im Netz intelligenter verhalten als gemäßigte
Vereine. Die lasizistisch orientierte Ditib zum Beispiel nutzt ihre Seite, wie es sonst Schützenvereine tun: indem sie ihre
offline-Aktivitäten dokumentiert.
Milli GörüÅŸ, die eine islamistische und anti-laizistische Weltordnung
vertritt, ist da inklusive (momentan gewartetem) Forum und Blog deutlich webzweinulliger. Und
damit kundenfreundlicher. Falls es für religiöse Gemeinschaften sowas wie
Kundenfreundlichkeit überhaupt gibt. Wahrscheinlich ja (siehe Jungfrauen, Wolken und Harfen,
ewige Glückseligkeit).
Mit Dank an Simon Columbus für den Hinweis.