Der Journalist und Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer hat einen Kommentar
seines Handesblatt-Kollegen Sönke Iwersen gelöscht. Dieser Kommentar (siehe unten)
war in der Tat grenzwertig und gerade deshalb sehr interessant. Und die Löschung zeigt, dass
es nicht ausreicht, Twitter unfallfrei zu beherrschen. um - ja: was eigentlich?
Der wesentliche Aspekt von Iwersens Kommentar war nicht die vermeintlich persönliche Note,
die Knüwer dazu veranlasste, „menschlich tief enttäuscht“ den Kommentar zu
löschen. Sondern die Frage, warum die ganzen tollen Spielzeuge, der Twitter- und der
Facebook-Account uns Web-2.0er nicht dazu befähigen, Meldungen nicht nur weiterzuverbreiten,
sondern zu machen.
Stefan Niggemeier schreibt dazu:
Ich finde es eine berechtigte Frage, der sich Leute wie Knüwer (und ich) ernsthaft stellen
müssen: Wer denn die Artikel recherchiert, während wir Kommentare moderieren und
Twitter-Beiträge lesen und lustige Experimente mit Kamera-Übertragungen machen. Das ist
keine Entweder-Oder-Debatte, denn natürlich wird der Journalismus der Zukunft beides
brauchen: traditionelle und neue Formen der Recherche und des Publizierens.
Und so sah Journalismus doch schon immer aus. Es gab schon immer die Frontschweine und die
Kolumnisten und zu Letzteren zählen in der Regel die Blogger. Es gibt heute ein Heerschar
von Meinungsverbreitern, die aber wie eh und je auf die angewiesen sind, die an der Quelle
sitzen. Natürlich kann es vorkommen, dass Blogger Nischenthemen abdecken, die für die
Groß-Medien zu abseitig sind. Dann haben sie eben ihren investigativen Moment. Aber die
Regel ist das nicht und wird es auch nicht sein.
In Ländern, in denen Pressezensur herrscht, sieht das natürlich anders aus. Dort sind
Blogger Helden der Meinungsfreiheit und ich kann mich wirklich nicht beklagen, dass ich hier eine
solche Heldenrolle nicht einnehmen muss.
Ich sehe meine Aufgabe bei Spreeblick nicht darin, Erster mit einer Meldung zu sein. Und ich
nutze ganz bestimmt nicht Twitter, um Insiderinformationen zu erlangen.
Twitter, Facebook und MySpace, flickr, Zeux und Dumblebum sind Spielzeuge, die ich mag, die ich
aber nicht brauche für das, was ich hier mache. Wer glaubt, Twitter sei tatsächlich ein
wichtiges Werkzeug für den Journalisten des neuen Jahrtausends, der unterliegt einem
grotesken Irrtum. Wer glaubt denn tatsächlich, die Seite 3 der SZ wäre besser, wenn
Heribert Prantl twittern würde, wie sein Stuhlgang gerade war?
Ich weiß, wer das glaubt: unsere Parteien.
@Die_Gruenen habt ihr keinen twitterberater? das ist ja furchtbar
Das habe ich vor ein paar Monaten dem ABM-Twitterer der Grünen entgegengezwitschert. Gegen
dessen Verlautbarungs-Strom las sich das Neue Deutschland wie das Umsonst-Magazin eines
Swinger-Clubs. Wir werden es noch sehen: Der Glaube bei den deutschen Parteien, Obama sei
Präsident geworden, weil er ein paar Tausend Facebook-Freunde hat, ist
unerschütterlich.
Obümbel ist ein Fingerzeig -
das wird sehr, sehr lustig werden.
Ein letztes Wort zur kleinen Knüwer-Iwersen-Affäre: Da kann man sehen, was Blogs eben
doch, bei allen Abstrichen, die man an ihre Investigativ-Fähigkeiten machen muss, von den
alten Medien unterscheidet: Wir meinen das mit der Meinungsfreiheit so (Pathos, Baby!). Das
heißt für mich nicht, dass man jedem Troll seinen Trog hinterhertragen muss. Und auch
nicht, dass man private Fehden öffentlich austrägt (wer gerne bei den E-Mail-Kriegen
von Fred und mir über Dawkins dabei wäre, der hebe die Hand). Aber eben doch, dass die
Haus-Politik nicht über Allem thront, dass man Widerspruch erträgt und sich auch mal
anhören können muss, dass man ein Frisuren-Idiot mit Denkschwäche ist. Und dass
der, der immer alles besser weiß, sich besser eine Antwort überlegen sollte, als die
Delete-Taste zu drücken.
Letzten Endes vielleicht sogar: Dass Bloggen wie wir es verstehen unter dem Dach einer
herkömmlichen Zeitung nicht geht. Auch wenn Thomas Knüwer seine Sache bisher gut
gemacht hat - etwas fehlt. Ich bin gespannt, wie die Blogs der FAZ werden.
Hier der Kommentar von Iwersen:
Lieber Thomas,
Bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem
Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht
könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und
erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so
wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese
Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im
Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?
Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon
herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest
– wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass
Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst. Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom
Telekomskandal? Untergang von Lycos? Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem
hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht.
Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über
Agentur lief oder in der New York Times stand.
Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren
Geschichten Du selbst lebst. Eine große Zahl Deiner Blogeinträge basiert doch auf
Artikeln Deiner Print-Kollegen, zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von
anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben.
Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie
müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran
haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du.
Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben. Aber bitte
verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus.
Thomas Knüwer
reagierte daraufhin mit folgendem Kommentar:
Der Kommentar des Kollegen Iversen ist offline gegangen, da die Chance hoch ist, dass er sich
damit in arbeitsrechtliche Probleme gebracht hätte. Der Eintrag verstieß eindeutig
gegen die Vorgaben seines Arbeitgebers im Umgang mit Blogs und Kommentaren.
Warum Herr Iwersen Animositäten gegen mich hegt, die er in der Redaktion bisher nicht zum
Ausdruck brachte, ist mir nicht klar. Dies auszudiskutieren ist aber kein Thema für ein
Blog.
Woraufhin Iwersen antwortete:
Lieber Thomas,
wie Du weißt, gibt es in der Redaktion die Entscheidung, unsere Diskussion intern zu
führen. Ich verstehe das aber nicht so, dass Du nun weiter ungestört Unsinn verbreiten
kannst.
Also:
Ich habe diesen Kommentar geschrieben. Du hast ihn gelöscht. DANACH hast du mich per Mail
gefragt, ob er von mir kommt. Wenn das so wäre, würdest Du ihn wieder online stellen.
Ich habe Dir gesagt, er stamme von mir.
DANACH ist Dir dann das Arbeitsrecht eingefallen, was immer das heißen sollte.
Nun bleibt der Kommentar gelöscht, weil in der Redaktion die Entscheidung getroffen ist, die
Diskussion in der Art nicht online zu führen. Okay, damit habe ich kein Problem.
Was aber ebenfalls bleibt, ist die Tatsache, dass wir – Du und ich
– bereits in der Vergangenheit Diskussionen über dieses Thema
geführt haben und dies keineswegs an persönlichen Animositäten lag sondern an
Inhalten. Ich kam mir dabei auch nicht sonderlich mutlos vor.
An Deinen ständigen Beschimpfungen gegenüber Deinen Kollegen hat sich jedoch nichts
geändert – ebenso wenig wie manches andere. Aber das können wir ja
alles morgen klären. Ich jedenfalls halte mich an die Redaktionslinie.
Ich gehe davon aus, dass dieser Beitrag arbeitsrechtlich unbedenklich ist und stehen bleibt.