Am verzücktesten kommen die Reisenden aus Israel zurück, am zweitverzücktesten aus
Indien. Vielleicht hat es damit zu tun, dass - wird über die Gründe der Terrorattacken
geredet und dabei erwähnt, es ginge um die Unterdrückung der Muslime in Indien - so
getan wird (das ist zumindest mein Eindruck aus den Hauptnachrichtensendungen), als sei diese
Unterdrückung eine wirre Fantasie angesichts der überall greifbaren und
sprichwörtlichen Kuschligkeit der Inder.
Auslöser war ein Brand in einem Zugabteil mit Hindu-Pilgern, dessen Ursache bis heute
mysteriös ist. Innerhalb weniger Wochen wurden damals mindestens 2.000 Menschen, die
allermeisten Muslime, abgeschlachtet und unzählige Frauen oft von ganzen Hindu-Gangs
vergewaltigt. Hunderttausende von Muslimen flohen aus Angst vor Übergriffen aus ihren
Häusern in Notcamps. Spätere Untersuchungen lassen keinen Zweifel: Das Massaker war
kein spontaner Ausbruch religiöser Gewalt, es war ein Pogrom - von militanten
Hindu-Nationalisten geplant und organisiert und von staatlichen Instanzen geduldet.
So schildert Das
Parlament das Massaker von Gujarat, das 2002 stattfand (hier eine ausführliche
Darstellung auf Englisch - via The Jewish
Journal).
Was natürlich (ich werde hier ja immer wieder aufgefordert, mich von Steinigungen und
Terroranschlägen zu distanzieren, daher komme ich dem jetzt nach, damit das klar ist) keine
Rechtfertigung für das heutige Abschlachten ist. Auge
um Auge, Zahn um Zahn klappt bei Massakern nie so recht, weil es ja immer ganz andere,
unbeteiligte Augen und Zähne sind. In der Logik religiöser Konflikte steht es jetzt
allerdings nicht einmal Unentschieden.
Der uralte Konflikt zwischen Muslimen und
Hindus (Kinogänger erinnern sich vielleicht aus Gandhi noch daran, dass es da
Reibungen gab) hat mit internationalem Terrorismus so viel zu tun wie Ravi Shankar mit
Stockhausen. Man weiß nicht so recht, wo das Ganze anfängt und man versteht im Grunde
nichts, aber es ist gut eine Meinung dazu zu haben. Darüber hinaus gibt es keine
Berührungspunkte.
Die Muslime sind nicht die Geißel der Menschheit, weil es die Muslime nicht gibt.
Ein fürchterlich banaler Satz, den ich nach der Nachrichtenbeschallung der letzten Tage
einfach mal tippen muss.
Dass sämtliche europäische Politiker sich auf einmal für Indien interessieren,
sollte uns ahnen lassen, was als nächstes kommt. Denn wenn das in Indien internationaler
Terrorismus ist, dann kann das demnächst genauso ja auch in Berlin passieren. Dann muss man
Gruppen auf der Straße, die sich zusammenrotten, zerschlagen (Rotte: Mehr als zwei
Menschen, die miteinander spechen). Telefonate präventiv abhören, man weiß ja
einfach nie. Es wird ihnen schon etwas einfallen.
Ich entschuldige mich für den flapsigen Ton. Dass Christen, Juden und Hindus getötet
werden nur wegen ihrer Religion, lässt schließlich auch mich betroffen schweigen.
Dass aber augenblicklich versucht wird, daraus Kapital zu schlagen (Seht ihr? Wir brauchen das
BKA-Gesetz!), sagt mir, dass es leider nicht der richtige Moment ist, um zu schweigen.